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IKZ 108, 2018 Heft 1 / issue 1

Zusammenfassungen / Abstracts

 

Das Sakrament mit dem schlechten Image.
Überlegungen zu einem Neuverständnis von Busse und Beichte in der altkatholischen Kirche

Alexandra Pook

Zusammenfassung
Das Busssakrament (als gemeinschaftliche Bussandacht und als Beichte) scheint immer mehr zum «Sakrament ohne Nachfrage» (Ursula Silber) zu werden und aus der geistlichen Praxis der Gläubigen zu verschwinden, wie eine Umfrage unter den Geistlichen im deutschen altkatholischen Bistum im Jahr 2016 zeigt. Trotz ihrer Kritik an der Ohrenbeichte betrachtete die frühe altkatholische Bewegung es als «eine Hauptsorge der Kirche», in richtiger Weise mit dem Busssakrament umzugehen. In der Folge kam es aber faktisch zur Abschaffung der Einzelbeichte. Die Autorin konstatiert, dass im deutschen altkatholischen Bistum in den letzten Jahrzehnten auch die allgemeine Bussandacht immer weniger Praxis in den Gemeindegottesdiensten ist. Nach einem kurzen Durchgang durch die historische Entwicklung, setzt sich die Autorin mit den möglichen Ursachen für die Krise der Busspraxis auseinander und stellt Überlegungen an, wie das Busssakrament von seinem Nutzen für die freiheitliche Selbstbestimmung der Menschen neu gedacht werden und so von heutigen Menschen als Teil christlicher Lebenskunst verstanden werden kann.

Key Words Schlüsselwörter
Ohrenbeichte – Bussandacht – Busssakrament neu denken – Krise des Busssakraments – Geschichte der Busse im Altkatholizismus

Summary
The penance sacrament (as an act of communal penance and confession) appears to be increasingly “a sacrament without demand” (Ursula Silber) that is disappearing from the spiritual praxis of faith, according to a questionnaire among clergy in the German Old Catholic diocese in 2016. Despite their critique on the auricular confession, the earlier Old Catholic Movement considered dealing with the penance sacrament in the correct manner to be “a main concern of the church.” Consequentially, it came in fact to the abolishment of private confession. The author establishes that in the German Old Catholic diocese during the last century, the general penitential service is also an infrequent praxis in church services. After a brief overview of the historical development, the author addresses the possible cause of the crisis in penitential praxis and presents ideas about how the penance sacrament can be re-thought considering people’s freedom to self-determination and thereby understood by contemporary people as part of the Christian art of living.

Key Words – Schlüsselwörter
auricular confession –  penitential service – rethinking penitential services – crisis of penance sacraments – history of confession in Old Catholicism

Versöhnung ohne Busse?

Klaus Rohmann

Summary
From the very beginning, the element of satisfaction was central to the institution of Christian atonement. Initially severe sanctions were inflicted on penitents who had committed grave sins and were asking for reconciliation with the church. Gradually these sanctions were usually replaced by compensatory disciplines such as fasting. Since the High Middle Ages those sanctions were called punishments for sins. Today, the concept of punishment for sin seems incommensurate with the belief in a benign God. Nevertheless, the reality of satisfaction still remains relevant. Satisfaction has two aspects: the relationship to those people who have been hurt or offended by the sinner must be healed, and secondly, the sinner him- or herself has to do work to avoid committing further sins. Whereas the idea of satisfaction has vanished from the liturgical rites of our churches, it should be reintroduced as a means by which the sinner is confronted with the consequences of his or her trespasses, and not only with the sins as such.

Key Words – Schlüsselwörter
Busssakrament – Geschichte der christlichen Versöhnung – Satisfaktion – Ablass – Folgen der Sünde

Zusammenfassung
Im christlichen Busswesen war das Element der Wiedergutmachung zentral. Ursprünglich wurden dem schweren Sünder harte Auflagen erteilt, die er erfüllen musste, bevor er die Rekonziliation mit der Kirche gewährt bekam. Solche Auflagen wurden aber mit der Zeit immer häufiger durch mildere Ersatzleistungen, wie Fasten, ersetzt. Da diese aber immer noch das Leben stark beeinträchtigten, bezeichnete man sie als Sündenstrafen im Gegensatz zur Sündenschuld. Wenn uns auch heute die Rede von Sündenstrafen als nicht angemessen erscheint, so sind die damit gemeinten Sündenfolgen ernstzunehmen. In zweifacher Hinsicht muss an den Sündenfolgen gearbeitet werden: Einmal muss das Verhältnis des Täters zum Opfer bereinigt werden; sodann bedarf es einer Arbeit des Sünders an sich selbst, um Tatwiederholungen zu vermeiden. Unsere liturgischen Texte haben mittlerweile bei einer Gewichtung des Moments der Versöhnung den Gedanken der Genugtuung bzw. Wiedergutmachung getilgt. Er muss wiedereingeführt werden, um den Sünder nicht nur mit seiner Sünde, sondern auch mit den Sündenfolgen zu konfrontieren.

Key Words – Schlüsselwörter
Sacrament of confession – history of Christian atonement – satisfaction – indulgence –consequences of sins

Wegbereiterinnen und Wegbegleiterinnen Augustin Kellers

Elisabeth Joris

Summary
Augustin Keller (1805-1883), born the son of a farmer, became influential in the field of educational politics and was a co-founder of the Old Catholic Church in Switzerland. From early days he maintained close contact with women of the intellectual élite (“Bildungsbürgerinnen“). His relationships with educators Elise Ruepp-Uttinger and Josephine Stadlin, as well as with his bride and wife Josephine Pfeiffer were a strong influence. These relationships were based on agreement over political goals. In practice, however, Keller's relation to the opposite sex proved highly ambivalent. In his relationship with his wife, he showed himself a representative of a clear assignment of the female sex to the domestic sector, and yet women were involved in his socio-political objectives. Although the Education Law of 1835, which was moulded by him, excluded women from higher education, they could be called upon to teach. The provision of the necessary training was transferred to subsidiary private institutions. As founders of such institutes, Elise Ruepp-Uttinger and Josephine Stadlin were able to rely on their many years of contact with Keller to be given responsibility for training female teachers. Half a century later Keller's daughter, Gertrud Villiger-Keller, founded a whole series of training institutes for female-specific professions. These reinforced the bourgeois gender assignment advocated by her father, while at the same time enhancing opportunities for public participation by women and augmenting their responsibilities.

Key Words – Schlüsselwörter
Gender assymetry – Liberalism – women of the intellectual élite (Bildungsbürgerinnen) – education of girls in the 19th century – Augustin Keller – Josephine Stadlin – Elise Ruepp-Uttinger – Gertrud Villiger-Keller

Zusammenfassung
Der als Bauernsohn geborene Augustin Keller (1805–1883) avancierte zu einem einflussreichen Schulpolitiker und Mitbegründer der Christkatholischen Kirche der Schweiz. Seit seiner Jugend stand er in engem Austausch mit Bildungsbürgerinnen. Prägend waren seine Beziehungen zu den Pädagoginnen Elise Ruepp-Uttinger und Josephine Stadlin sowie zu seiner Braut und Ehefrau Josephine Pfeiffer. Diese Beziehungen basierten auf der Übereinstimmung in den politischen Zielvorstellungen. In der Praxis erwies sich das Verhältnis Kellers zum andern Geschlecht aber als höchst ambivalent. Gegenüber seiner Braut und Ehefrau zeigte er sich als Vertreter einer klaren Zuordnung des weiblichen Geschlechts zum häuslichen Bereich und band Frauen dennoch in seine gesellschaftspolitischen Zielsetzungen ein. Obwohl das von ihm geprägte Schulgesetz von 1835 Frauen von der höheren Bildung ausschloss, konnten diese zum Schuldienst beigezogen werden. Die Vermittlung der dazu notwendigen Ausbildung wurde privaten Töchterinstituten übertragen. Als Gründerinnen solcher Institute konnten Elise Ruepp-Uttinger und Josephine Stadlin auf ihre langjährigen Kontakte zu Keller zählen, um mit der Ausbildung von Lehrerinnen beauftragt zu werden. Ein halbes Jahrhundert später gründete Kellers Tochter Gertrud Villiger-Keller ihrerseits eine ganze Reihe von Ausbildungsinstitutionen für frauenspezifische Berufe. Diese verfestigten das von ihrem Vater vertretene bürgerliche Geschlechterarrangement, werteten aber gleichzeitig die Räume öffentlicher Partizipation von Frauen und ihre Zuständigkeiten auf.

Schlüsselwörter – Key Words
Geschlechterasymmetrie – Liberalismus – Bildungsbürgerinnen – Mädchenbildung im 19. Jahrhundert – Augustin Keller – Josephine Stadlin – Elise Ruepp-Uttinger – Gertrud Villiger-Keller

 

 
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